Die kindliche Logik
„Mia, mein Schatz, ich
muss dir etwas sagen.“
Sie guckt, als ob sie mich
nicht gehört hätte. Vermutlich hat sie das auch nicht, denn der lange,
gallertartige Popel, den sie sich soeben aus der Nase gezogen hat, will erst
noch zwischen Daumen und Zeigefinger zu einer ebenmäßigen Kugel gerollt werden.
Das dauert und erfordert ihre ganze Aufmerksamkeit.
„Mia“, sage ich, während
sie die Kugel zum Trocknen unter die Tischplatte klebt, „die Tick-Tack-Oma ist
heute Nacht gestorben.“
Sie blickt mich
erschrocken an, und da weiß ich, dass sie zu klein ist.
Wie soll ich ihr
erklären, wie logisch der Tod ist, wenn man erst mal über achtzig ist? Was weiß
sie von der Endlichkeit unseres Daseins, von dem Punkt, an dem nichts mehr
besser wird, von Bitterkeit und Verdruss, von kleinen Renten und teuren
Heimplätzen? Nichts soll sie davon wissen, nicht mit ihren vier Jahren, und so
erzähle ich ihr lieber von dem wunderbaren Leben, das die Tick-Tack-Oma von nun
an im Himmel führen wird, wo sie den Engelchen warme Strümpfe strickt und
Apfelmus kocht für den lieben Gott. Dann lachen wir, etwas zu laut vielleicht,
aber Mia lacht mit, und das ist die Hauptsache.
„Du musst nicht traurig sein“, sage ich erleichtert. „Papa und ich
sind auch nicht traurig. Es ist gut so, wie es ist.“
Sie nickt, rutscht von
ihrem Stuhl herunter und geht langsam zur Tür. Unschlüssig steht sie dort einen
Moment herum, ehe sie zu mir zurückkommt und sich an meine Brust schmiegt.
„Mama“, fragt sie
vorsichtig, „darf ich vielleicht ein bisschen traurig sein? Einfach weil
ich sie nun nicht mehr habe?“