Die Fremden
Im Sommer 1974 waren sie plötzlich da, die Fremden.
Sie kamen in einem Ford Granada und zogen in das kleine Eisenbahnerhäuschen,
das hinten bei der Streuobstwiese an unser Grundstück grenzte. All die Jahre
hatte niemand darin wohnen wollen, weil es eine Bruchbude war, wie Vater sagte,
und weil es so nah an den Schienen gebaut war, dass der Intercity von Köln nach
Berlin, der zweimal am Tag die Strecke passierte, mitten durchs Wohnzimmer
fuhr.
„Jetzt haben sie es an die Türken vermietet“, sagte Vater,
„was sollen sie auch sonst damit machen? Das kann man ja keinem zumuten...“
„Ja“, sagte meine Mutter. „Wenn das mal gut geht...“.
Drei Wochen später waren sie da.
„Sie kommen! Guckt mal schnell, sie kommen!“, rief
unsere Großmutter von ihrem Kissen aus, mit dem sie im Rahmen des geöffneten
Küchenfensters lag, und dann liefen wir hinunter in den Garten, mein Bruder und
ich, und beobachteten sie. Wir stellten uns ganz dicht an den Zaun, damit wir
sie gut sehen konnten. Es war ein schönes Auto, mit dem sie gekommen waren, rot
wie ein Feuerwehrwagen, und wir wunderten uns, wie viele von ihnen dort
hineinpassten.
„Das ist ein Ford Granada“, sagte mein Bruder und ich
glaubte ihm, weil er alle Automarken kannte. Nach und nach öffneten sich die
Türen. Zuerst stieg der Vater aus und blickte genau in unsere Richtung. Wir
duckten uns schnell hinter den Zaun und linsten vorsichtig durch die Latten.
Sie sollten uns nicht entdecken.
Alles an diesem Mann war schwarz. Seine funkelnden
Augen, sein Haar, der seltsame Schnauzbart und auch sein Mantel. Dunkel sah er
aus, und dennoch hatte ich keine Angst vor ihm. Ich kannte ihn ja aus meinem
Märchenbuch und wusste, dass er gut war.
„Das ist Prinz Aladin“, flüsterte ich meinem Bruder
zu.
„Quatsch“, sagte mein Bruder und zeigte mir einen
Vogel. Dann sahen wir die Mutter. Ihr Bauch war dick und rund wie der von
unserem Opa. Mühlselig schälte sie sich aus dem Auto, griff auf den Rücksitz
und setzte sich ein Baby auf die Hüfte.
„Oh, wie süß!“, sagte ich zu meinem Bruder. „So ein
Baby hätte ich auch gern!“
„Wir haben doch ein Baby“, sagte mein Bruder.
„Ja“, sagte ich. „Aber mit Glatze. Das da hat schöne
Haare.“
Dann stiegen immer mehr Kinder aus dem Auto. Ich
versuchte sie zu zählen, aber sie liefen alle durcheinander, und so konnte ich
es nicht gut.
„Das sind mindestens zehn“, sagte ich irgendwann.
„Quatsch“, sagte mein Bruder. „Niemand hat zehn
Kinder. Höchstens drei Kinder kann man haben. Wie sollten die sonst ins Auto
passen?“
„Na und? Ist mir eh egal!“, sagte ich verächtlich. Das sagte ich immer, wenn ich nicht mehr weiter wusste.
Wir hatten unsere
Deckung inzwischen verlassen. So interessant waren die fremden Kinder, dass wir
ganz vergaßen, uns hinter den Zaun zu ducken.
Sie schubsten sich und alberten herum, zerrten Dinge
aus dem Auto und stritten darüber, wer sie ins Haus tragen durfte.
„Guck mal, genau wie wir“, sagte ich und dann erst
bemerkte ich, wie seltsam sie gekleidet waren. Als ob sie aus der Kälte kämen,
mitten im Hochsommer. Die Mädchen trugen bunte, wild gemusterte Röcke und dazu
andersfarbig karierte Blusen.
„Sieh nur“, sagte ich zu meinem Bruder, „sie tragen
Hosen unter ihren Röcken!“ Es waren keine Strumpfhosen, es waren Bluejeans.
„Warum machen sie das?“
„Keine Ahnung“, sagte mein Bruder. „Vielleicht sind
es Zirkusclowns.“
Wir kicherten, erst leise, dann immer lauter, bis sie
uns schließlich bemerkten. Sie starrten uns an, aus sicherer Entfernung,
zeigten mit dem Finger auf uns und schienen über uns zu sprechen, in einer
Sprache, die wir nicht verstanden.
Ich duckte mich wieder hinter den Zaun, aber mein
Bruder fing an, Grimassen zu schneiden. Die Fremden lachten. Das stachelte ihn
an.
„Los, mach mit“, sagte er. Wir kletterten auf einen
Apfelbaum und taten uns dicke. Später setzten wir uns Rhabarberblätter auf den
Kopf und marschierten wie kleine Soldaten vor unserem Publikum auf und ab.
Als wir kehrt machten, stand plötzlich die Mutter der
fremden Kinder vor uns. Sie öffnete den Mund, um uns anzulächeln, und da sahen
wir, dass sie einen Eckzahn aus Gold hatte. Ich erschrak und wollte
davonlaufen, aber sie hielt einen Teller mit kleinen, süß duftenden Kuchen über
den Zaun und bedeutete uns, davon zu nehmen. Zögerlich griffen wir zu,
bedankten uns artig und liefen zum Haus zurück.
„Wir dürfen das nicht essen!“, sagte mein Bruder, als
wir den Hinterhof erreichten. „Bestimmt ist es vergiftet!“
„Aber es ist Kuchen!“, sagte ich. „Riech doch mal, wie gut er duftet!“
„Wir dürfen nichts von Fremden nehmen“, erinnerte
mich mein Bruder, „und von denen schon gar nicht! Wenn du es isst, wirst du
sterben!“
„Werde ich nicht!“
„Wirst du doch! Ich sage es der Mama, dass du von
denen was genommen hast!“
Schweren Herzens warf ich mein Stück in die
Mülltonne. Nur einen winzigen Krümel hatte ich heimlich abgebrochen und unter der
Zunge zergehen lassen, während wir die Treppe hinaufstiegen. Es schmeckte nach
etwas, das ich nicht kannte, himmlisch gut.
„Mama“, fragte ich später beim Abendessen, „was sind
eigentlich Türken?“
„Menschen“, sagte meine Mutter. „Es sind Menschen.
Das hast du doch gesehen.“